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Biosimilars: Vergleichbar mit dem Original?

Biosimilars sind ein Nachbau sogenannter Biologika, die zum Beispiel bei Rheuma und entzündlichen Darmkrankheiten helfen. Die Mittel wirken ähnlich wie das Original, aber nicht gleich. Eine Gefahr für Patienten?
von Dr. Reinhard Door, 19.01.2017

Biosimilars werden wie Biologika von lebenden Zellen im Labor hergestellt

DPA Picture Alliance/Jochen Zick

Manch einer wird sich unter dem Begriff etwas Falsches vorstellen: Biologika, auch Biopharmazeutika genannt. Dabei handelt es sich nicht um rezeptfreie pflanzliche Mittel aus der Apotheke. Biologika sind Eiweißstoffe, hergestellt in Zehntausende Liter fassenden Bioreaktoren – von meist gentechnisch veränderten Zellen, Bakterien oder Hefen. 205 solcher Sub­­­stanzen aus 186 Wirkstoffen waren nach Angaben des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller im September in Deutschland zugelassen.

Eingesetzt werden sie in ganz unterschiedlichen Bereichen, aber eines haben sie fast durchweg gemeinsam: Sie sind teuer. Sie kosten im Durchschnitt rund achtmal so viel wie synthetische, chemisch hergestellte Medikamente. Obwohl sie im Jahr 2015 nur 2,5 Prozent aller Verordnungen ausmachten, mussten die Krankenkassen mehr als sieben Milliarden Euro für sie ausgeben, ein Fünftel der gesamten Arzneikosten, so Zahlen des Arzneiverordnungs­reports. Und der Markt wächst. Fast jedes dritte neue Medikament des Jahres 2015 war ein Biologikum. Gesundheitsökonomen befürchten deshalb eine Kosten­explosion.

Professor Stefan Schreiber, Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin I in Kiel

Sascha Klahn

Biosimilars: Den Biologika ähnlich – aber nicht gleich

Die Gegenstrategie liegt nahe: Produkte mit gleichem Wirkstoff, her­gestellt und billig angeboten von der Konkurrenz. Bei synthetischen Nachbaupräparaten (Generika) funktioniert dieses Konzept gut. Die Vo­raus­­setzung dafür erfüllen auch viele Biologika. Sie haben ihren Patentschutz bereits verloren oder verlieren ihn in nächster Zeit. An ihre Stelle könnten "Biosimilars" treten.

Diese heißen "ähnlich" ("similar"), weil sie sich nicht so einfach nachbauen lassen wie herkömmliche Generika. Sie bestehen aus großen Proteinen, die sensibel auf jegliche Änderung im Bioreaktoren-Gemisch reagieren. Zudem geben die Her­steller der Originalsubstanz nicht alle Produktionsgeheimnisse preis. Daher entspricht die Kopie von Biologika niemals exakt dem Original. 

Wirkung wird streng überprüft

Doch kann ein "Similar" – selbst wenn es dem Original noch so sehr ähnelt – garantieren, dass es genauso gut wirkt? Dass kleine Abweichun­gen keine stärkeren Nebenwirkungen verursachen? Das ist ungewiss, sagt die Europäische Zulassungs­behörde (EMA), die für alle Biologika zuständig ist. Deshalb verlangt sie strengere Prüfungen vor der Zulassung als für die klassischen Generika (siehe dazu Grafik unten). Seit der ers­ten Zulassung im Jahr 2006 haben inzwischen 21 Bio­similars diese Hürde genommen. 18 davon sind in Deutschland erhältlich. Mehr als 20 weitere Kopien testen die Hersteller bereits in klinischen Studien.

Strenge Prüfung verhindert Nachbessern

"Konkurrenz belebt das Geschäft – nicht nur, was die Preise angeht", sagt Professor Stefan Schreiber, Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin I in Kiel und Experte für entzündliche Darmkrankheiten. Durch die Biosimilar-Studien würden auch dringend benötigte Daten für die bessere Anwendung der Original-Produkte gewonnen.

Schreiber findet die Zulassungsregeln für Biosimilars sogar zu streng. Sie verhinderten, dass Schwächen der Original-Medikamente nachgebessert werden können. Denn dafür müsste die Abfolge der Aminosäuren-Bau­steine geändert werden. Für die EMA handelt es sich dann jedoch um ein vollständig neues Medikament, das noch um ein Vielfaches aufwendiger geprüft werden muss als Biosimilars.

Aber: Auch kleine Veränderungen können Wirkung beeinflussen

Professor Hanns-Martin Lorenz, Leiter der Sektion Rheumatologie an der Medizinischen Universitätsklinik V in Heidelberg, hält die Regeln der EMA für richtig. Schon der Austausch einer einzigen Aminosäure könne die Wirkung eines Mittels erheblich beeinflussen, sagt er. "Da möchte ich schon gerne umfangreiche Sicherheits- und Effizienzdaten haben."

Umstellung auf Biosimilar erst nach mehrjähriger Testphase

Um Sicherheit für die Patienten geht es auch der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie. Sie lehnt deshalb bei jenen, die bereits mit einem Biologikum behandelt werden, die Umstellung auf ein Biosimilar ab. Es sei denn, medizinische Gründe sprechen dafür. Zunächst müsse man ein paar Jahre lang Daten sammeln, sagt Hanns-Martin Lorenz. Erst dann könne man sehen, ob ein Biosimilar genauso langfristig wirkt und nicht mehr Nebenwirkungen verursacht als das Original.

Im Blick haben Experten dabei vor allem, ob der Körper sich gegen die fremden Proteine wehrt. Das Immunsystem kann Antikörper bilden, die sich gegen das Medikament richten und es wirkungslos machen. Die Folgen können aber auch weiter reichen. So kam es bei Patienten, die ein Bio­similar des Wirkstoffs Erythropoetin erhielten, zu einer schweren ­Blutarmut. Die Antikörper setzten nicht nur das zugefügte, sondern auch das körper­eigene Erythropoetin matt, das für die Bildung roter Blutzellen nötig ist. Andere mögliche Nebenwirkungen sind Allergien oder vermehrte Infekte.

Schmalspurprüfung birgt Risiken

Kritisch beurteilt Lorenz auch einen anderen Punkt: So musste ein Biosimilar für den Wirkstoff Infliximab die Vergleichsstudien nur für zwei Rheumaformen durchlaufen; zugelassen wurde es aber auch für entzündliche Darmkrankheiten. "Eine Ausweitung über die Fachgrenze hinaus sehe ich als Immunologe kritisch", sagt Hanns-Martin Lorenz. Denn immunbio­logische Funktionen sowie pharmazeutische Eigenschaften der Wirkstoffe unterscheiden sich je nachdem, ob sie gegen Rheuma oder entzündliche Darmkrankheiten wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn eingesetzt werden. 

Aus all diesen Gründen halten sich viele Ärzte bei der Verordnung vor allem neuerer Biosimilars zurück. Zudem senken die Hersteller ihre Preise längst nicht so stark wie bei Generika, sondern im Schnitt nur um etwa 20 Prozent. Entsprechend gering sind bisher die Einsparungen der Kassen.

Das muss nicht so bleiben, wenn die Substanzen langfristig die Erwartun­gen erfüllen. Dann könnten auch jene Patienten eine Biologika-Therapie erhalten, denen dies bislang aus finanziellen Gründen verwehrt ist. Mehr Verschrei­bun­­gen könnten sogar die Kosteneinsparungen auffressen. Die Kran­ken­kassen würden dann nicht profitieren – aber die Patienten.



Bildnachweis: W&B / Dr. Ulrike Möhle, Sascha Klahn, DPA Picture Alliance/Jochen Zick

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